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60 Jahre Augsburger Puppenkiste


Große Jubiläumsausstellung vom 07. Mai 2008 bis 09. November 2008


+++ Erfolgsausstellung wird bis zum 08. März 2009 verlängert +++
Zur Eröffnung der Jubiläumsausstellung "60 Jahre Augsburger Puppenkiste"
sprach der berühmte Autor Bastian Sick (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod)

Gut gebrüllt, Löwe!

Ansprache zum 60. Geburtstag der Augsburger Puppenkiste

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Familie Marschall, liebe Freunde der Augsburger Puppenkiste, dass ich heute hier in dieser illustren Runde dabei sein und zu Ihnen sprechen darf, ist für mich eine große Ehre. Für manchen von Ihnen ist es sicherlich zunächst ein Rätsel, Sie werden sich fragen: Was will dieser Kerl hier, wer ist das überhaupt, und was hat er mit der Augsburger Puppenkiste zu tun? Der Kasperl ist es offenbar nicht, auch wenn er so dreinschaut, als würde er sich ab und zu ganz gern mal zum Kasper machen …
Nun, wer ich bin, ist rasch erklärt: Bastian Sick ist mein Name, und viele kennen mich als den Autor der Bücher mit dem Titel "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod". Man nennt mich Sprachkritiker, Oberlehrer, Grammatik-Guru, und manch einer schimpft mich auch - etwas weniger respektvoll - einen Klugscheißer.
Das alles mag vielleicht auch zutreffend sein, vor allem aber bin ich eines, nämlich ein großer Liebhaber … unserer schönen deutschen Sprache, ein Freund der Literatur, vor allem der Kinder- und Jugendliteratur, und wenn es die Werke von Autoren wie Otfried Preußler, Ellis Kaut, Michael Ende und vor allem Max Kruse nicht gegeben hätte, wäre ich womöglich nie zu dem geworden, der ich heute bin, denn sie alle haben mich im zarten Knabenalter gefesselt und inspiriert, sie haben in mir die Fackel der Leidenschaft für das Lesen und Geschichtenerzählen entfacht. An ihrer schier unerschöpflichen Phantasie habe ich mich als junger Bub berauscht, wie ich mich heute nur noch an einem guten Rotwein berauschen kann.
Dank der Bücher dieser Autoren war meine Kindheit eine Zeit voller Magie. Doch die allermagischsten Momente, die habe ich vor dem Fernseher erlebt, am Sonntagnachmittag im Advent, wenn ich wie gebannt vor dem Apparat hockte und es kaum erwarten konnte, dass der Deckel der Puppenkiste aufsprang und der samtene Vorhang auseinanderglitt, um den Blick auf eine andere, eine fantastische Welt freizugeben. Denn jene Welt hinter diesem Deckel und hinter diesem Vorhang - nun, das war eine Welt, die jedes Kind sofort in ihren Bann schlägt. Da gab es Berge aus Pappmaché, Wasser aus durchschimmernder Plastikfolie, Inseln mit und ohne Eisenbahnverkehr, feuerspeiende Vulkane, Jahrmärkte, fliegende Teppiche, Blechbüchsenarmeen, Piraten und Roboter - all das ließ mein Herz höher schlagen. Und ich schaute nicht nur wie gebannt, ich hörte auch ganz genau hin.
Denn die Sprache spielt in den Inszenierungen der Augsburger Puppenkiste immer eine große Rolle. Um Worte ist man nie verlegen, ob gesprochen oder gesungen. Die Sprache der Puppenkiste steht keineswegs auf tönernen Füßen. Wenn schon, dann sind es hölzerne. Nicht selten kommt sie aber auch auf Pfoten daher. Oder auf Hufen oder auf samtigen Tatzen. Schon der Kater Mikesch hat schließlich vorgemacht, dass das Reden nicht allein den Menschen vorbehalten ist. Auch seine Freunde, das Schwein Paschik und der Ziegenbock Bobesch, lernten das Sprechen. Und zwar fehlerfrei. Nur das kleine Kätzchen Maunzerle tat sich etwas schwer. Es hatte nämlich einen Sprachfehler: Statt "s" sagte es immer "sch"; ein Satz wie "Im Keller ist 'ne Maus" wurde bei ihm zu "Im Keller ischt 'ne Mausch". Vielleicht handelte es sich aber auch gar nicht um einen Sprachfehler, vielleicht war das Maunzerle einfach nur ein schwäbisches Kätzchen. Womöglich kam's sogar aus Augschburg!
Auf jeden Fall ist Maunzerle nicht der einzige Bühnenstar mit einer sprachlichen Auffälligkeit. Und gerade deshalb ist es im Ensemble der Augsburger Puppenkiste gut aufgehoben, denn Spracherziehung ist der Puppenkiste von jeher eine Herzensangelegenheit. Den besten Beweis liefert Professor Habakuk Tibatongs Tiersprechschule. Dort wird vorgemacht, dass Sprachunterricht viel Spaß machen kann. Allerdings ist auch in der Tiersprechschule auf der Insel Titiwu - genauso wie in den Schulen hierzulande - immer wieder ein gewisser Unterrichtsausfall zu verzeichnen. Schuld daran ist Wutz, die putzwütige Haushälterin des Professors, die sich nicht davon abhalten lässt, die Schule regelmäßig einem Großreinemachen zu unterziehen. So kommt es, dass der kleine Ping Pinguin auch am Ende der letzten Folge noch nicht gelernt hat, das sch zu sprechen. Es kommt nach wie vor nur ein pf heraus. Folglich ist die schöne geschäumte Muschel, in die sich Ping Pinguin so gerne zum Träumen zurückzieht, bis heute eine pföne gepfäumte Mupfel geblieben.

Von der Augsburger Puppenkiste lernte ich auch manches geflügelte Wort, das mir in meinem späteren Leben noch von Nutzen sein sollte.
Unvergesslich zum Beispiel die Worte der Schweinedame Wutz: "Oh, du saftige Rübe, öff öff". Ebenso der Satz des Kamels aus den "Löwe"-Filmen: "Ich bin errrschütterrrt!"
Und nicht zu vergessen der Ausspruch des Großvaters in den "Opodeldoks". Der sagte immer "Früher war alles schlechter!", was mir als Kind schon zu denken gab, da ich es von den Alten stets anders gewohnt war. Die behaupteten doch immer, dass früher alles besser gewesen sei, was ich nie glauben konnte, denn früher, da hatte es Krieg gegeben und Inflation und Massenarbeitslosigkeit, was sollte daran besser gewesen sein? So erschien mir der Großvater der Opodeldoks schon damals weiser und vernünftiger als die meisten anderen Erwachsenen zu sein.

Mit Hilfe der Puppenkiste habe ich schließlich sogar erste Fremdsprachenkenntnisse erworben.
"Orrr rrredierrraks" - so lauten die ersten Worte aus "Schlupp vom grünen Stern" - gesprochen von Herrn Ritschwumm, einem Bewohner des Planeten Baldasiebenstrichdrei. Welch ein Klang, welch eine kraftvolle Sprache! Da sich die Macher der Serie jedoch mit Rücksicht auf das deutsche Publikum dazu entschlossen hatten, die Dialoge der Bewohner von Baldasiebenstrichdrei in deutsch-synchronisierter Fassung wiederzugeben, blieben meine Kenntnisse des Baldaischen bedauerlicherweise nur rudimentärrr.

Und mit einer weiteren Fremdsprache brachte mich die Augsburger Puppenkiste in Berührung: dem Hochdeutschen. Sehr kompliziert, das kann ich Ihnen sagen! Und voller äußerst merkwürdiger Ausdrücke! In einer Episode der "Löwe"-Trilogie sieht man den Zoowärter, der Löwe bewachen soll, über ein Buch gebeugt an seinem Schreibtisch sitzen und Hochdeutsch üben: "Servus, alte Hütten = guten Tag, lieber Freund … Sauviech mischtigs = dummes Tier, du" Kopfschüttelnd stellt der Zoowärter fest: "Also, Ausdrücke haben die im Hochdeutschen…"

Von der Puppenkiste habe ich auch gelernt, die Sprache sehr genau zu nehmen. Als der der Großwildjäger Pumponell auf der Jagd nach dem Urmel von Wawa in eine Höhle gelockt wird und dort durch einen unvorsichtigen Schuss einen Stalaktitenhagel auslöst, muss er feststellen, dass er in der Falle sitzt. "Der Eingang, er ist verschüttet", ruft er entgeistert aus. Wawa stellt richtig: "Von uns aus gesehen ist es der Ausgang!" Das ist klug beobachtet, auch wenn es an der Lage der Verschütteten herzlich wenig ändert.
Aber es ist immer eine Sache des Standpunkts und der Perspektive des Sprechers, das habe ich auch einmal in einer Geschichte geschrieben, in welcher ich den Unterschied zwischen hinab und herab zu erklären versuchte.
Sollte die Augsburger Puppenkiste am Ende gar den Grundstein zu meiner Tätigkeit als Sprach-Beobachter und Sprach-Ratgeber gelegt haben? Ei verbischt, das wäre nicht auszuschließen !

Da fällt mir noch ein Beispiel ein: Mit Hilfe des freundlichen Riesen Tur Tur lernt man den Unterschied zwischen "anscheinend" und "scheinbar" kennen - denn Herr Tur Tur, dem Jim Knopf und Lukas auf ihrer Reise nach China in der Wüste begegnen, ist nur scheinbar ein Riese. Ein Scheinriese, der umso größer wird, je weiter er sich entfernt, und immer kleiner, je näher er kommt. Was, wie die "Zeit" einmal bemerkte, bis heute ein verbreitetes Phänomen bei vielen prominenten Riesen sei.
Als ich mich heute diesem Theater näherte, hatte ich das Gefühl, mit jedem Schritt kleiner zu werden. Das lag an der Aufregung und der Ehrfurcht. Und sollte ich nun auf Augenhöhe zu Jim Knopf, dem Urmele, Don Blech und Kalle Wirsch geschrumpft sein, dann bin ich Riese, denn etwas Schöneres kann es doch nicht geben, als mit all den Helden meiner Kindheit auf gleicher Größe zu stehen.

Ein Freund sagte einmal: "Weißt du, woran man erkennt, dass die Kindheit vorbei ist? Die Kindheit ist vorbei, wenn man bei der Augsburger Puppenkiste die Fäden sieht!"

Ich gratuliere der Augsburger Puppenkiste von ganzem Herzen zu ihrem 60. Geburtstag und gebe meiner Hoffnung Ausdruck, dass ihre farbenprächtigen, phantasievollen und lustigen Geschichten noch viele Generationen von kleinen und großen Zuschauern beglücken mögen.
Denn aller Beschleunigung, allen lärmenden Computerspielen und perfekt animierten 3-D-Trickfilmen zum Trotz - was wär diese Welt, wenn wir sie nicht hätten: Märchen, Musik und Marionetten.

Bastian Sick

Augsburg, 6. Mai 2008



Bastian Sick in der Augsburger Puppenkiste
 

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