Ansprache zum 60. Geburtstag der Augsburger
Puppenkiste
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Familie Marschall,
liebe Freunde der Augsburger Puppenkiste, dass ich heute hier
in dieser illustren Runde dabei sein und zu Ihnen sprechen darf,
ist für mich eine große Ehre. Für manchen von
Ihnen ist es sicherlich zunächst ein Rätsel, Sie werden
sich fragen: Was will dieser Kerl hier, wer ist das überhaupt,
und was hat er mit der Augsburger Puppenkiste zu tun? Der Kasperl
ist es offenbar nicht, auch wenn er so dreinschaut, als würde
er sich ab und zu ganz gern mal zum Kasper machen …
Nun, wer ich bin, ist rasch erklärt: Bastian Sick ist mein
Name, und viele kennen mich als den Autor der Bücher mit
dem Titel "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod". Man
nennt mich Sprachkritiker, Oberlehrer, Grammatik-Guru, und manch
einer schimpft mich auch - etwas weniger respektvoll - einen Klugscheißer.
Das alles mag vielleicht auch zutreffend sein, vor allem aber
bin ich eines, nämlich ein großer Liebhaber …
unserer schönen deutschen Sprache, ein Freund der Literatur,
vor allem der Kinder- und Jugendliteratur, und wenn es die Werke
von Autoren wie Otfried Preußler, Ellis Kaut, Michael Ende
und vor allem Max Kruse nicht gegeben hätte, wäre ich
womöglich nie zu dem geworden, der ich heute bin, denn sie
alle haben mich im zarten Knabenalter gefesselt und inspiriert,
sie haben in mir die Fackel der Leidenschaft für das Lesen
und Geschichtenerzählen entfacht. An ihrer schier unerschöpflichen
Phantasie habe ich mich als junger Bub berauscht, wie ich mich
heute nur noch an einem guten Rotwein berauschen kann.
Dank der Bücher dieser Autoren war meine Kindheit eine Zeit
voller Magie. Doch die allermagischsten Momente, die habe ich
vor dem Fernseher erlebt, am Sonntagnachmittag im Advent, wenn
ich wie gebannt vor dem Apparat hockte und es kaum erwarten konnte,
dass der Deckel der Puppenkiste aufsprang und der samtene Vorhang
auseinanderglitt, um den Blick auf eine andere, eine fantastische
Welt freizugeben. Denn jene Welt hinter diesem Deckel und hinter
diesem Vorhang - nun, das war eine Welt, die jedes Kind sofort
in ihren Bann schlägt. Da gab es Berge aus Pappmaché,
Wasser aus durchschimmernder Plastikfolie, Inseln mit und ohne
Eisenbahnverkehr, feuerspeiende Vulkane, Jahrmärkte, fliegende
Teppiche, Blechbüchsenarmeen, Piraten und Roboter - all das
ließ mein Herz höher schlagen. Und ich schaute nicht
nur wie gebannt, ich hörte auch ganz genau hin.
Denn die Sprache spielt in den Inszenierungen der Augsburger Puppenkiste
immer eine große Rolle. Um Worte ist man nie verlegen, ob
gesprochen oder gesungen. Die Sprache der Puppenkiste steht keineswegs
auf tönernen Füßen. Wenn schon, dann sind es hölzerne.
Nicht selten kommt sie aber auch auf Pfoten daher. Oder auf Hufen
oder auf samtigen Tatzen. Schon der Kater Mikesch hat schließlich
vorgemacht, dass das Reden nicht allein den Menschen vorbehalten
ist. Auch seine Freunde, das Schwein Paschik und der Ziegenbock
Bobesch, lernten das Sprechen. Und zwar fehlerfrei. Nur das kleine
Kätzchen Maunzerle tat sich etwas schwer. Es hatte nämlich
einen Sprachfehler: Statt "s" sagte es immer "sch";
ein Satz wie "Im Keller ist 'ne Maus" wurde bei ihm
zu "Im Keller ischt 'ne Mausch". Vielleicht handelte
es sich aber auch gar nicht um einen Sprachfehler, vielleicht
war das Maunzerle einfach nur ein schwäbisches Kätzchen.
Womöglich kam's sogar aus Augschburg!
Auf jeden Fall ist Maunzerle nicht der einzige Bühnenstar
mit einer sprachlichen Auffälligkeit. Und gerade deshalb
ist es im Ensemble der Augsburger Puppenkiste gut aufgehoben,
denn Spracherziehung ist der Puppenkiste von jeher eine Herzensangelegenheit.
Den besten Beweis liefert Professor Habakuk Tibatongs Tiersprechschule.
Dort wird vorgemacht, dass Sprachunterricht viel Spaß machen
kann. Allerdings ist auch in der Tiersprechschule auf der Insel
Titiwu - genauso wie in den Schulen hierzulande - immer wieder
ein gewisser Unterrichtsausfall zu verzeichnen. Schuld daran ist
Wutz, die putzwütige Haushälterin des Professors, die
sich nicht davon abhalten lässt, die Schule regelmäßig
einem Großreinemachen zu unterziehen. So kommt es, dass
der kleine Ping Pinguin auch am Ende der letzten Folge noch nicht
gelernt hat, das sch zu sprechen. Es kommt nach wie vor nur ein
pf heraus. Folglich ist die schöne geschäumte Muschel,
in die sich Ping Pinguin so gerne zum Träumen zurückzieht,
bis heute eine pföne gepfäumte Mupfel geblieben.
Von der Augsburger Puppenkiste lernte ich auch
manches geflügelte Wort, das mir in meinem späteren
Leben noch von Nutzen sein sollte.
Unvergesslich zum Beispiel die Worte der Schweinedame Wutz: "Oh,
du saftige Rübe, öff öff". Ebenso der Satz
des Kamels aus den "Löwe"-Filmen: "Ich bin
errrschütterrrt!"
Und nicht zu vergessen der Ausspruch des Großvaters in den
"Opodeldoks". Der sagte immer "Früher war
alles schlechter!", was mir als Kind schon zu denken gab,
da ich es von den Alten stets anders gewohnt war. Die behaupteten
doch immer, dass früher alles besser gewesen sei, was ich
nie glauben konnte, denn früher, da hatte es Krieg gegeben
und Inflation und Massenarbeitslosigkeit, was sollte daran besser
gewesen sein? So erschien mir der Großvater der Opodeldoks
schon damals weiser und vernünftiger als die meisten anderen
Erwachsenen zu sein.
Mit Hilfe der Puppenkiste habe ich schließlich
sogar erste Fremdsprachenkenntnisse erworben.
"Orrr rrredierrraks" - so lauten die ersten Worte aus
"Schlupp vom grünen Stern" - gesprochen von Herrn
Ritschwumm, einem Bewohner des Planeten Baldasiebenstrichdrei.
Welch ein Klang, welch eine kraftvolle Sprache! Da sich die Macher
der Serie jedoch mit Rücksicht auf das deutsche Publikum
dazu entschlossen hatten, die Dialoge der Bewohner von Baldasiebenstrichdrei
in deutsch-synchronisierter Fassung wiederzugeben, blieben meine
Kenntnisse des Baldaischen bedauerlicherweise nur rudimentärrr.
Und mit einer weiteren Fremdsprache brachte mich
die Augsburger Puppenkiste in Berührung: dem Hochdeutschen.
Sehr kompliziert, das kann ich Ihnen sagen! Und voller äußerst
merkwürdiger Ausdrücke! In einer Episode der "Löwe"-Trilogie
sieht man den Zoowärter, der Löwe bewachen soll, über
ein Buch gebeugt an seinem Schreibtisch sitzen und Hochdeutsch
üben: "Servus, alte Hütten = guten Tag, lieber
Freund … Sauviech mischtigs = dummes Tier, du" Kopfschüttelnd
stellt der Zoowärter fest: "Also, Ausdrücke haben
die im Hochdeutschen…"
Von der Puppenkiste habe ich auch gelernt, die
Sprache sehr genau zu nehmen. Als der der Großwildjäger
Pumponell auf der Jagd nach dem Urmel von Wawa in eine Höhle
gelockt wird und dort durch einen unvorsichtigen Schuss einen
Stalaktitenhagel auslöst, muss er feststellen, dass er in
der Falle sitzt. "Der Eingang, er ist verschüttet",
ruft er entgeistert aus. Wawa stellt richtig: "Von uns aus
gesehen ist es der Ausgang!" Das ist klug beobachtet, auch
wenn es an der Lage der Verschütteten herzlich wenig ändert.
Aber es ist immer eine Sache des Standpunkts und der Perspektive
des Sprechers, das habe ich auch einmal in einer Geschichte geschrieben,
in welcher ich den Unterschied zwischen hinab und herab zu erklären
versuchte.
Sollte die Augsburger Puppenkiste am Ende gar den Grundstein zu
meiner Tätigkeit als Sprach-Beobachter und Sprach-Ratgeber
gelegt haben? Ei verbischt, das wäre nicht auszuschließen
!
Da fällt mir noch ein Beispiel ein: Mit Hilfe
des freundlichen Riesen Tur Tur lernt man den Unterschied zwischen
"anscheinend" und "scheinbar" kennen - denn
Herr Tur Tur, dem Jim Knopf und Lukas auf ihrer Reise nach China
in der Wüste begegnen, ist nur scheinbar ein Riese. Ein Scheinriese,
der umso größer wird, je weiter er sich entfernt, und
immer kleiner, je näher er kommt. Was, wie die "Zeit"
einmal bemerkte, bis heute ein verbreitetes Phänomen bei
vielen prominenten Riesen sei.
Als ich mich heute diesem Theater näherte, hatte ich das
Gefühl, mit jedem Schritt kleiner zu werden. Das lag an der
Aufregung und der Ehrfurcht. Und sollte ich nun auf Augenhöhe
zu Jim Knopf, dem Urmele, Don Blech und Kalle Wirsch geschrumpft
sein, dann bin ich Riese, denn etwas Schöneres kann es doch
nicht geben, als mit all den Helden meiner Kindheit auf gleicher
Größe zu stehen.
Ein Freund sagte einmal: "Weißt du,
woran man erkennt, dass die Kindheit vorbei ist? Die Kindheit
ist vorbei, wenn man bei der Augsburger Puppenkiste die Fäden
sieht!"
Ich gratuliere der Augsburger Puppenkiste von
ganzem Herzen zu ihrem 60. Geburtstag und gebe meiner Hoffnung
Ausdruck, dass ihre farbenprächtigen, phantasievollen und
lustigen Geschichten noch viele Generationen von kleinen und großen
Zuschauern beglücken mögen.
Denn aller Beschleunigung, allen lärmenden Computerspielen
und perfekt animierten 3-D-Trickfilmen zum Trotz - was wär
diese Welt, wenn wir sie nicht hätten: Märchen, Musik
und Marionetten.